• Tom Bohn

Wer der Demokratie vertraut, braucht nicht ins Gefängnis

Aktualisiert: 13. Aug. 2021

Georg Thiel befindet sich in „Erzwingungshaft“, weil er seine Rundfunkgebühren nicht bezahlen wollte. Wer ihn allerdings jetzt als Helden des Widerstands gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk feiert, denkt zu kurz. Dessen Wandel ist sowieso nicht aufzuhalten.



Ein Gefängnis ist kein schöner Ort.

Und „Erzwingungshaft“ hört sich alles andere als gemütlich an.

Wenn ein Mensch sich beidem trotzdem aussetzt, obwohl man mit einer Zahlung von etwas über 1000,- Euro weiter unbehelligt im gemütlichen Zuhause sitzen könnte, muss er schwerwiegende Gründe haben.

Naheliegend ist es, einem solchen Zeitgenossen eine schwere psychische Störung zu unterstellen, was aber im Fall von Georg Thiel nicht zuzutreffen scheint. Thiel behauptet vielmehr, dass er nicht für etwas zahlen möchte, was er nicht nutzt: das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Die Folgen dieser Verweigerung sind inzwischen bundesweit bekannt: Thiel sitzt. Leider nicht zuhause, sondern in Erzwingungshaft. Und zwar seit dem 25.Februar diesen Jahres. Die BILD-Zeitung zitiert ihn mit den Worten: „Meine Haft ist ein Protest gegen die schändliche GEZ-Gebühr“.

Man kann zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen stehen wie man will, aber wer sich dieser Argumentation anschliesst, denkt zu kurz. Was würde Georg Thiel, der, wie man hört, gerne mit dem Fahrrad fährt, sagen, wenn ich als Nicht-Fahrradfahrer einfach meine Steuerabgaben um genau 1% kürzen würde, weil ich Fahrradwege nicht benutze … ja sie als Autofahrer und Fussgänger, nicht einmal benutzen darf.

Oder wenn mein Nachbar, der nette Herr Raindl, seine staatliche Abgabenlast um 10% reduzieren würde, da er aus Überzeugung kinderlos geblieben ist und nicht einsieht, dass er für die Spielplätze und die Ausbildung der vier rotzfrechen Schratzen von Familie Reverkühn mitbezahlen soll?

Drei Strassen von mir entfernt wohnt Frau Riehse, die, obwohl inzwischen weit über 70 Jahre alt, noch nie in ihrem Leben im Krankenhaus war. Da ist sie sehr stolz drauf und ist, so hoffe ich, mental weit davon entfernt, vom Staat Gelder zurück zu fordern, die der für die Gesundheit aller ausgegeben hat. So weit, so einfach.

Nachdem wir nunmehr festgestellt haben, dass es Blödsinn ist, sich in einer Solidargemeinschaft so daneben zu benehmen, wie es Georg Thiel gerade tut, kommen wir nun zu dem schwierigeren Part dieser traurigen Angelegenheit.

Man kann nämlich inzwischen wirklich der Meinung sein, dass sich der ÖRR in seiner jetzigen Form überholt hat. Und dagegen sollte man auch konsequent demonstrieren können. Aber eben nicht, indem man sich wegsperren lässt, sondern indem man seine Freiheit nutzt um sich zu organisieren, Mitglied in einer der politischen Parteien zu werden, die Presse zu mobilisieren oder seine Meinung auf Demonstrationen kund zu tun.

Wenn man gute Argumente hat und die Mehrheit seiner Mitbürger von der Notwendigkeit seines Anliegens überzeugen kann, hat man alle Chancen etwas zu ändern. Auch bei einem solchen Koloss wie dem ÖRR.

So ein Vorgehen nennt man: demokratisch.

Und wer jetzt dagegen hält, dass dies beim machtvollen ÖRR alles vergebens sei, verfolgt nicht genau genug die Diskussion über diesen „unseren“ Rundfunk. Denn der steht, gerade durch den Druck vieler Demokraten, vor einem nicht mehr aufzuhaltenden Wandel. Die Frage ist nicht mehr „ob“, sondern nur noch „wie“. Auch das „wann“ beginnt sich zu klären: Zeitnah nach der Bundestagswahl wird es losgehen, denn in seiner jetzigen Form ist dieser Senderkoloss nicht mehr mehrheitsfähig.

Das weiss auch die Politik.

Kommen wir nun noch einmal auf Georg Thiel zurück, der auf Kosten der Steuerzahler gerade medienwirksam im Gefängnis sitzt. Thiel hat, zu allem Überdruss, einen Dankesbrief an die einzige politische Partei geschrieben, die für ihn, wie er sagt, „etwas tut“. Diese Partei hat seinen Dankesbrief gestern freudig in den sozialen Medien veröffentlicht. Mit dem Subtext: „Wir kämpfen weiter für einen Rundfunk, der keine politischen Gefangenen nimmt.“

Diese, für Herr Thiel kämpfende Partei, Sie ahnen es bereits, ist die AFD.

Und bedauernswerte Georg Thiel sitzt nunmehr nicht nur im Knast, sondern hat obendrein noch schlechte Gesellschaft.



©Text: Tom Bohn, Landsberg, 9.6.2021

©Foto: ProAcessio

Veröffentlicht in der WELT am 10.06.2021


27 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen