• tom28767

Lauterbachs Narrenfreiheit

Aktualisiert: 13. Aug. 2021

Die Uefa machte er für den Tod vieler Menschen verantwortlich, den Briten prophezeite er eine Corona-Katastrophe. Falsch, wie sich zeigt. Doch die Fehlprognosen des Karl Lauterbach bleiben ohne Konsequenzen. Es folgt allein: die nächste Talkshow. Was läuft hier falsch?



Man kann sich heutzutage in der Öffentlichkeit schnell blamieren, wenn man falsch zitiert, im falschen Moment lacht oder Begriffe verwechselt. Davon können vor allem Annalena Baerbock und Armin Laschet ein Lied singen, aber auch jeder Otto Normalverbraucher, der, zum Beispiel in Social Media Accounts, im falschen Moment einen Aussetzer hat.

Ich, zum Beispiel, geriet vor ein paar Tagen bei Twitter unter die Räder, weil ich unbedingt meinte, einem offensichtlich schlecht erzogenen Molekularbiologen erklären zu müssen, wie die Antikörperbildung nach einer Impfung funktioniert. Folgerichtig amüsierte sich – gefühlt – die halbe deutschsprachige Twittergemeinde über mich. Verständlich. Ich hätte einfach meine Klappe halten sollen.


Jenseits der genauen Recherchen von Sachverhalten, hat sich in Deutschland allerdings ein Politiker bemerkbar gemacht, der in diesem Punkt schon Narrenfreiheit zu genießen scheint: der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach. Während man Baerbock schon seit Monaten wegen Plagiatsvorwürfen grillt und Laschet im Umfragekeller steckt, weil er im falschen Moment öffentlich gelacht hat, dreht Karl Lauterbach trotz seiner diversen Fehleinschätzungen unbehelligt weiter seine Runden in Talkshows und Social-Media-Kanälen. Ich denke mal, dass Frau Baerbock, Herr Laschet und auch ich das ziemlich ungerecht finden dürfen.


Lauterbachs wohl inzwischen berühmtester Aussetzer schreckte die Öffentlichkeit am 30. Juni 2021 auf. Er schrieb über die vielen Fans bei der Fußball-Europameisterschaft in London: „Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende. Die Uefa ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich.“

Man darf sich wirklich wundern, dass die Uefa, bei der inzwischen bewiesenen Unrichtigkeit dieser Aussage, Herrn Lauterbach nicht vor ein Gericht gezerrt hat. Geradezu verrückt muss es weiterhin anmuten, dass sich nicht ein einziger Journalist Herrn Lauterbach wegen dieses Lapsus einmal so heftig vorgeknöpft hat – wie es bei der armen Frau Baerbock wegen ihrer schriftstellerischen Fails geschah. Bei Lauterbach hingegen passierte seltsamerweise rein gar nichts.


Und so konnte er ungestört nachlegen, indem er sich bei Twitter den Ausführungen des umstrittenen Wissenschaftlers Neil Ferguson wie folgt anschloss: „Der leitende Covid Berater in UK Neil Ferguson geht davon aus, dass die Öffnung ab morgen in UK in der Spitze 100.000 Infektionen pro Tag bringt und in der Summe eine halbe Million Fälle von Long Covid. Der NHS wird einem Stresstest ausgesetzt.“

Dem britischen Premier Boris Johnson schrieb Lauterbach zu dessen geplantem Freedom-Day überdies noch ins Stammbuch: „Er wird scheitern, die Fallzahlen werden wieder sehr hoch sein.“


Wie man inzwischen weiß, stiegen die Zahlen in England nicht, sondern sie sanken. Und zwar dramatisch. Beginnend an ausgerechnet jenem Freedom-Day. Hätte sich Armin Laschet eine ähnlich fatale Fehleinschätzung in den Hochwassergebieten erlaubt, hätte die Union wohl schnellstens Herrn Söder als neuen Kanzlerkandidaten aus München einfliegen lassen. Herr Lauterbach hingegen sitzt wieder bei Lanz.

Man kann sich nur wundern, dass dieser Mann nach inzwischen wohl dutzenden, überdramatisierten Fehlprognosen nicht längst verbal geteert und gefedert auf einen bundesdeutschen Entsorgungsposten abgeschoben wurde. Wie schon so manch einer vor ihm, der mit Einschätzungen zur Lage ähnlich fett daneben lag.

Eine Petitesse, die dem Unerklärlichen noch die Krone aufsetzt: Herr Lauterbach hat sich, anders als zum Beispiel Frau Baerbock, für seine Irrungen nicht entschuldigt. Ja, er sieht sie wahrscheinlich nicht einmal ein. Was diese Sturheit für einen säuerliche Geschmack bei den Bundesbürgern hinterlässt, ist nur zu erahnen. Schließlich ist Lauterbach ja, wie schon erwähnt, öffentlich SPD-Gesundheitsexperte.


So bleibt einem nur das Schulterzucken. So ist er halt, der Lauterbach. Und so scheint unsere Gesellschaft zu sein, die fleißig weiterhin mit zweierlei Maß misst. Bei Politikern, Demonstrationen und auch bei Twitter. Als ich dort vorgestern entsetzt las, dass die australische Regierung gerade Soldaten losschickt, um ihre krachend gescheiterte Zero-Covid-Politik bei der eigenen Bevölkerung durchzusetzen, fiel mir ein Interview ein, das Herr Lauterbach am 9. Februar 2021 in der SPD-Zeitung „Vorwärts“ gab. Dort sagte er: „Insofern ist eine Zero-Covid-Strategie als Ziel sehr wertvoll und wichtig.“

Wertvoll und wichtig scheint es inzwischen zu sein, dass diese Gesellschaft die offensichtliche Narrenfreiheit von Herrn Lauterbach nicht weiter akzeptiert. Und was sie erst recht nicht (mehr) machen sollte ist: ihm Glauben schenken.


Veröffentlicht in der WELT am 06.08.2021

https://www.welt.de/kultur/plus232971415/Corona-Prognosen-Lauterbachs-Narrenfreiheit.html?icid=search.product.onsitesearch

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