• tom28767

Der verlogene Regenbogen

Aktualisiert: 13. Aug 2021

Ausgerechnet im EM-Heimspiel gegen Ungarn sollte die Münchner Arena in den LGBTQ-Farben erstrahlen. Kritiker der Aktion sehen darin den Kniefall vor einer dominanten Minderheit. Unangebracht sind die bunten Armbinden, Eckfahnen und Stadionlichter aber aus einem ganz anderen Grund.



„Auch im Jahr 2021 gibt es keinen einzigen offen homosexuellen Fußballer in den deutschen Profiligen der Männer“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von 800 Fußballerinnen, Fußballern und Funktionären Anfang des Jahres im Fußball-Magazin „11 Freunde“


Leider ist dieses sympathische Zeichen für tolerantes und freiheitliches Denken in den letzten Jahren von der Stadt München nicht da gezeigt worden, wo es passend gewesen wäre: während der Spiele der deutschen Bundesliga. Dort hätte es jedes Wochenende hingehört, wenn man denn bereit gewesen wäre, erst einmal den Saustall im eigenen Haus aufzuräumen, bevor man mit dem schmutzigen Finger auf den Nachbarn zeigt. Leider scheint genau das gerade nicht zu passieren. Die Stadt München fordert nun für ein Match die regenbogenfarbige Umgestaltung der Arena: ausgerechnet während der Begegnung der deutschen Nationalmannschaft mit Ungarn.

Womit wir leider wieder bei dem schmutzigen Fingerzeig auf den Nachbarn wären. Und bei einem knallharten, politischen Kalkül, das sich eben nur vordergründig für die Rechte der Schwulen, Lesben und Transsexuellen einsetzt. Sie sogar nur benutzt, um die eigene woke Weltanschauung stolz und effektiv in die weite Welt hinauszuorchestern. Mit einem regenbogenbunten Tusch.


Als Solo-Trompete für diese traurige Aufführung gesellschaftlicher Verlogenheit soll also nun die ungarische Nationalmannschaft herhalten. Ausgerechnet die Mannschaft, die bisher in ihrer Gruppe zwei sportlich hervorragende Leistungen gezeigt und mit Leidenschaft weit über ihren Möglichkeiten Fußball gespielt hat. Ein tolles, faires Team, das sich nicht nur in die Herzen mancher deutschen Fußballfans gekämpft haben dürfte.

Aber Letzteres zählt offensichtlich wenig bei dieser Europameisterschaft, denn in Ungarn, so ist seit Längerem zu hören, herrscht ein böser König. Und der macht schon seit Längerem mutwillig all das falsch, was in diesem unserem Land gerade als richtig erkannt wird. Das Böseste an diesem König ist aber, dass er genauso homophob zu sein scheint wie diejenigen bundesdeutschen Fußballfans, vor deren Intoleranz sich die schwulen Profi-Ballkünstler hierzulande so sehr fürchten.


Was für ein Elfmeter für die kleine, woke Blase in unserer Gesellschaft, die nur dann überlebt, wenn sie immer wieder Ziele findet, an denen sie sich reiben – und dadurch ihr größtenteils inszeniertes Selbstbildnis in die Welt tragen kann. Da bietet sich der böse König aus Ungarn natürlich prächtig an. Zumal seine Mannschaft ein Auswärtsspiel hat und man nicht, wie zum Beispiel bei der WM in Katar, befürchten muss, wegen seines Protestes für die sexuelle Selbstbestimmung – ruckzuck – einen Kopf kürzer gemacht zu werden.

Im Gegenteil: Man kann aufgrund des engagierten Protestes den Kopf sogar noch ein wenig höher tragen als sonst. So im Himmel der Political Correctness angekommen, ist es sogar ein Leichtes, vom heimischen Fußballverband zu fordern, doch noch gratis Regenbogenfähnchen an das heimische Publikum zu verteilen. Damit innerhalb wie außerhalb des Stadions gesellschaftlicher Gleichklang herrscht. Georg Restle, vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, stürmte letzte Woche mit dieser bei Twitter heftig bejubelten Forderung vorbildlich voraus.


Ob die Stadt München ihr EM-Stadion zum letzten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft in Regenbogenfarben illuminieren darf, bleibt vorerst übrigens ungeklärt. Die Uefa will über den Antrag erst am Spieltag formell entscheiden.

Die internationale Fußballwelt wird also möglicherweise ein politisch eingefärbtes, deutsches Fußballstadion sehen, in dem eine politisch gebrandmarkte, ungarische Mannschaft ein Auswärtsspiel bestreiten muss. Was das noch mit fairem, sportlichem Verhalten zu tun hat, ist nicht mehr nachvollziehbar. Vor allem dann nicht, wenn man sich den wirklich aufrüttelnden Artikel der „11 Freunde“ zum Stand der sexuellen Toleranz unter einheimischen Fußballfans zu Gemüte führt.

Wie schrieb es unlängst ein User so treffend zu diesem Thema ebenfalls auf Twitter: „Die deutsche Oberlehrer-Attitüde führt nicht zu einer besseren Welt, sondern zu verhärteten Fronten.“ Genau das aber könnte den elitären Selbstdarstellern der bundesdeutschen, woken Parallelgesellschaft völlig schnuppe sein.


Veröffentlicht bei der WELT am 21.06.2021


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