• Tom Bohn

Der Speck muss weg

Aktualisiert: 13. Aug. 2021

Im Wahljahr werden Rufe nach einer Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks laut. Dabei führt das an dem Problem völlig vorbei.



Eines der größeren Wagnisse in einer Beziehung ist, wenn man einem Freund sagen muss, dass er abnehmen sollte. Die Folgen eines solchen Ratschlags können ernsthafte Verstimmungen, Frust und, ja, sogar auch Trennungen sein.

Man sollte sich also vorher gut überlegen, mit welcher Tonlage, in welcher Umgebung und zu welchem Zeitpunkt man seinem Gegenüber diesen Vorschlag unterbreitet. Damit es konstruktiv bleibt und nicht als Verrat, Beleidigung oder gar als Ablehnung aufgefasst werden kann. Das ist schwierig. Ich versuche es trotzdem.

Mein Freund, mit dem ich schon seit dreißig Jahren verbunden bin, und dem ich gerne eine radikale Diät verordnen möchte, ist vor allem übergewichtig, weil er sich zu wenig bewegt. Das hängt in erster Linie mit dem großen, bequemen Sofa zusammen, was man ihm vor Jahrzehnten einmal gekauft-, und auf dem er es sich so richtig gemütlich gemacht hat.

Sie ahnen es sicher schon: Der Freund über den ich gerade schreibe, ist kein Mensch, sondern der Öffentlich Rechtliche Rundfunk (ÖRR).


Starkes Übergewicht ist eine Störung, die, wenn sie nicht behandelt wird, mit einem verfrühten Tod enden kann. Auf den ÖRR übertragen heißt das, aufgrund seiner Unbeweglichkeit und Größe seine komplette Abschaffung zu fordern. Darauf spekulieren vor allen Dingen jene Kräfte, denen an einer Stabilität in unserer Demokratie wenig gelegen ist: Die Radikalen von den Rändern unserer Gesellschaft. Allen voran die Hardliner in der AfD, die - so vernimmt man es - die Auflösung des ÖRR auf ihre Agenda zur Bundestagswahl geschrieben haben.

Dem sollte man etwas entgegensetzen.


Erfahrungsgemäß ist es kontraproduktiv, einer übergewichtigen Person immer wieder zu sagen: Nimm endlich ab. Besser ist es, sie davon zu überzeugen, wieviel besser es ihr (und auch ihrer Umgebung) gehen wird, sobald sie abgenommen hat. Einen Blick in die neue, schlankere Zukunft zu werfen, sozusagen.

Wir stellen uns also vor, dass ein Wunder geschieht.

Dass die Politik den Hintern hoch bekommt und den ÖRR massiv reformiert. Und dass die Furcht vor einer negativen Berichterstattung, von eben diesem ÖRR, geringer ist als die Sorge um ihn. Und dass trotz dieser Furcht bereits vor der nächsten Bundestagswahl mit vernünftigen Reformen begonnen wird. Wie sähe dann der ÖRR aus? In zehn Jahren?


Zunächst einmal würde es nur noch eine statt zwei ÖRR-Hauptsendern geben, denn das ZDF wäre bereits seit fünf Jahren privatisiert (an dieser Stelle dürfte sich jetzt die gesamte Führungsebene des „Zweiten“ von der Lektüre dieses Artikels verabschieden). Das ZDF hieße auch nicht mehr ZDF, sondern würde als ein auf die älteren Zielgruppen ausgerichteter Privatsender für seine Investoren sehr viel Geld verdienen.


„Das Erste“ würde dann wieder ARD heißen und hätte, neben seinem Hauptprogramm, nur vier dritte Programme: Norddeutscher Rundfunk (NDR), Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Süddeutscher Rundfunk (SDR) und Westdeutscher Rundfunk (WDR). Ausserdem wären ARTE, KIKA, 3SAT und Phoenix weiter am Start. Alle anderen Sender wären aufgelöst.

Die knapp zwanzig (Rundfunk)-Orchester würden von einem staatlichen Kulturfonds betrieben, und von den heute siebzig Radiosendern gäbe es nur noch etwa zwei Dutzend. Plus das Deutschlandradio.

Der Beitragsservice (früher GEZ) wäre abgeschafft, denn der dann komplett werbungsfreie ÖRR würde aus Steuermitteln finanziert. Rechnet man großzügig, so würde das für die 40 Millionen steuerpflichtigen Bundesbürger eine monatliche Steuermehrbelastung von knapp 8 Euro pro Nase bedeuten.

Das Streaming aller Beiträge in den Mediatheken wäre unbegrenzt, und auf den Social-Media-Kanälen wären nicht nur öffentlich-rechtliche Spuren, sondern eine massive Präsenz des ÖRR erkennbar.


Man nennt so etwas eine Radikaldiät, und dass diese unumgänglich ist, weiß auch die Politik. Sie weigert sich trotzdem, das Problem anzugehen. Außer den Jungen Liberalen hat sich meines Wissens noch keine politische Gruppierung ernsthaft Gedanken über eine Reform des ÖRR gemacht. Naja, bis auf die AfD, die ihn am liebsten komplett beerdigen würde.

Aber auch das Papier der Julis ist in einer FDP-Schublade verschwunden. Wenn man sich danach erkundigt, wird indigniert zur Seite geschaut. Warum?

Die Frage ist schon lange nicht mehr die, ob man es schafft, den ÖRR so zu reformieren, dass seine Akzeptanz in der Bevölkerung wieder wächst, sondern ob es nicht demnächst dafür schon zu spät sein könnte.

Das Motto heißt: Rette, was zu retten ist. Und wer das meint mit einem ungläubigen Lächeln wegwischen zu können, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.


Es ist nicht nur seine inzwischen spektakuläre Größe, die den ÖRR immer mehr ins Gerede bringt, sondern auch seine politische Ausrichtung. Der

Vizepräsident des Bundestages, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, warf im Dezember dem Öffentlich Rechtlichen Rundfunk vor, vielfach einseitig zu berichten und Ängste zu schüren.

Kein neuer Vorwurf, denn der Krisenjournalismus der Corona-Sonder-sendungen des ÖRR wurde schon im August 2020 von der viel beachteten „Passauer Studie“ (Dr. Dennis Gräf und Dr. Martin Hennig) als zu regierungskonform aufgedeckt.

Und nun kommen wir zu dem Begriff „breiter“, obwohl wir eigentlich über eine Diät reden. Das ist aber nur oberflächlich gesehen ein Widerspruch, denn der ÖRR sollte sich wieder politisch breiter aufstellen, wenn er eine Zukunft haben will. Das kann man mit dem akuten Bewegungsmangel eines zu korpulenten Menschen vergleichen, der das Sofa nur dann verlässt, wenn er zum Kühlschrank oder zum Einkaufen geht: Bequeme Wege also, die sich im Lauf der Zeit eingeschliffen haben.


Ende der Achtzigerjahre gehörte es zur allgemeinen politischen Bildung, gezielt linke wie konservative Zeitungen und Fernsehprogramme zu konsumieren. Ich zum Beispiel liebte „Panorama“ und hasste „Report München“. Schaute aber immer beides. Es war für mich kein Makel, dass diese politisch extrem unterschiedlich ausgerichteten Magazine im Gemeinschaftsprogramm der ARD ausgestrahlt wurden.

„Panorama“ galt als „links“, Günther von Lojewskis „Report“ war „rechts“.

Hört man sich heute auf der Straße um, stößt man zunehmend auf das hässliche Wort „Staatsfunk“, das zwar unsinnig-, aber in seiner Häufigkeit gefährlich ist. Der ÖRR sollte eigentlich nicht als Pro-Regierung, oder zur Vertretung von nur einer politischen Richtung wahrgenommen werden, sondern die freie Meinungsbildung aller Bürger unterstützen. Also ein vielfältiges Sektrum an politischen Meinungen wiedergeben.

In Deutschland gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von rechtsliberal- bis konservativ denkenden Bürgern, die sich immer mehr den zu oft rechtsextrem angehauchten Internet- und Social-Media-Kanälen zuwenden, weil sie sich von dem durch sie finanzierten ÖRR nicht mehr repräsentiert fühlen. Das ist gefährlich. Für den ÖRR und für die Gesellschaft.

Dass dieses Problem schon heute in den höheren Etagen erkannt wird, zeigt das Beispiel des SWR-Intendanten Kai Gniffke, der sich letztes Jahr mit souveräner Sicherheit einem Interview des Rechts-Außen Blattes „Junge Freiheit“ gestellt hat. Eine vorbildliche Auseinandersetzung, die den Gegnern des ÖRR zumindest eine Zeit lang den Wind aus den Segeln genommen hat.

Gäbe es, wie früher, ein wertkonservatives ÖRR-Polit-Magazin, würde in den rechten Kritiker-Ecken bald komplette Windstille herrschen.


Dieser Vorschlag ist natürlich ein Verstoß gegen die beim ÖRR dominierende Political Correctness und daher heute wohl illusorisch. Aber denken wir einmal zehn Jahre weiter.

Vielleicht hat sich dann in den Politik- und Fernsehfilm-Redaktionen eine neue Beweglichkeit breit gemacht. Es gibt heute schon mutmachende Anzeichen dafür: Redaktionen, die angstfrei ihre eigene Linie betreten.

Ich konnte zum Beispiel meinen letzten Tatort „Hetzjagd“ im rechtsradikalen Milieu ansiedeln, ohne meinen Protagonisten aufgrund ihrer politischen Ausrichtung das Menschsein grundsätzlich absprechen zu müssen. Das war redaktionell mutig und sicher auch richtungsweisend.

Noch wirksamer wäre es allerdings, wenn neben Krimis, Dramen und Komödien auch einmal eine Genre-Produktion die ÖRR-Häuser verlassen würde. Man hat heute den Eindruck, dass es ÖRR-Redaktionen gibt, die nicht einmal mehr wissen, wie man Science-Fiction buchstabiert. Oder Fantasy-Film. Von Martial-Arts oder Adventure-Movie einmal ganz zu schweigen.


Ich denke, dass der Speck weg muss. Und dass es bei Vielem im ÖRR ein Zuviel gibt.

Ich mache mir Sorgen um eine von mir sehr geschätzte Institution, für die ich in den letzten dreißig Jahren immer wieder arbeiten durfte. Mit tollen Menschen, die nicht nur Kollegen oder Chef waren, sondern die mich auch auffingen, wenn es mal nicht so gut lief.

Die Zeiten ändern sich schnell und umfassend. Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass wir einmal einen ganzen Winter lang zuhause sitzen werden? Wer hätte geglaubt, dass in dieser Zeit alle Kinos, Theater und Kleinkunstbühnen geschlossen sind?

Wir balancieren gerade auf einer gesellschaftlichen Erdspalte, die weitere, auch heftigere Beben erwarten lässt.

Natürlich weiß ich, dass man sich in dem Moment, in dem man seinen dicken Freund vom Sofa zerrt, nicht sonderlich beliebt macht.

Aber ich möchte, dass „mein“ ÖRR überlebt.


© Text und Foto: Tom Bohn, Berlin, 25.1.2021

Veröffentlicht in der WELT am 04.02.2021



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