• Tom Bohn

Der neue McCarthyismus

Aktualisiert: 13. Aug 2021

Ich war an der Aktion #allesdichtmachen beteiligt. Die Atmosphäre des Verdachts erinnert mich an die Tribunale in Hollywood während der McCarthy-Ära. Deshalb gestehe ich lieber gleich all meine Verfehlungen. Nur vom angeblichen „Drahtzieher“ habe ich nie gehört.



Ende der vierziger Jahre erschütterte ein ungeheurer Verdacht die Vereinigten Staaten: Die Filmmetropole Hollywood könnte von Kommunisten unterwandert sein. Namhafte Schauspieler wie Robert Montgomery, Gary Cooper und Ginger Rodgers schwärzten vor einem Untersuchungs-ausschuss zahlreiche Kollegen als Kommunisten an. Die galten nämlich damals, bei Beginn des kalten Krieges, als Feinde der Vereinigten Staaten.

Unter der Leitung des republikanischen Senators Joseph McCarthy begann in Hollywood eine bis dahin beispiellose Hexenjagd: Filmschaffende wurden unter Androhung eines generellen Beschäftigungsverbots gezwungen, Namen von Kollegen zu nennen, die sie für Kommunisten oder deren Sympathisanten hielten. So entstand eine inoffizielle „schwarze Liste“, auf der unter sich anderem Thomas Mann und Berthold Brecht, sowie die weltbekannten Regisseure Jules Dassin und Joseph Losey wiederfanden. Wer sich weigerte vor dem Untersuchungsausschuss auszusagen, wanderte ins Gefängnis (Arthur Miller, Pete Seeger) oder wurde erst gar nicht mehr ins Land gelassen (Charles Chaplin).

Erst 1959 bezeichnete der ehemalige, amerikanische Präsident Truman die Untersuchungen als „unamerikanische Angelegenheit“ und läutete damit ihr Ende ein.

Der Begriff „McCarthyismus“ überlebte jedoch bis heute und wird, so Wikipedia „auch für die Verwendung von Unterstellungen und unbewiesenen Behauptungen, ganz gleich zu welchem Zweck, gebraucht.“


Vorgestern erschien im Tagesspiegel ein denkwürdiger Beitrag über eine Schauspieler-Aktion, bei der ich am Anfang unterstützend mitwirkte. Überschrift: „Das antidemokratische Netzwerk hinter #allesdichtmachen“. Ein Notfallmediziner namens Dr. Paul Brandenburg soll, so der Tagesspiegel verschwörerisch, „unter dem Radar der Öffentlichkeit operieren“. Es könnten sogar, so wird gemutmasst, die Texte für AllesDichtMachen „von Ideologen aus dem Dunstkreis von Brandenburgs Netzwerken“ entstanden sein. Belege dafür: keine.

Ich jedenfalls kannte während meiner Mitwirkung bei dem Projekt weder einen Dr. Paul Brandenburg noch seine Initiative. Mir wurden von meinem Kollegen Dietrich Brüggemann die Texte als „Entwürfe“ vorgestellt, die jeder Schauspieler, der sie sprechen möchte, nach seinem Gusto umformulieren sollte. Und das ist auch, für mich deutlich sichtbar, geschehen.

Trotzdem reiht sich in dem Artikel des Tagesspiegel eine Vermutung an die andere. Von „Verwerfungen“ in der Branche ist die Rede, von „munkeln“ über „größere Namen“, die beteiligt seien wird berichtet. Aber „niemand möchte namentlich genannt werden“, weil sich eben „niemand traut“.

Dafür traut sich aber der Tagesspiegel. Und das dann aber um so mehr. Denn um keinen geringeren als Moritz Bleibtreu „verdichten sich die Hinweise“, dass er „zu einem frühen Zeitpunkt in die Aktion eingebunden war“. Und dann erzählt eine geheime „Quelle“ dem Tagesspiegel wirklich Böses: nämlich dass es niemand in der Szene wagen würde, Bleibtreu als „aktiven Rekrutierer“ der Aktion zu nennen. Begründung: „Der lässt dich dann eventuell aus dem nächsten Projekt kicken, wo er besetzt ist“.

So etwas nennt man im Volksmund Rufmord.


Vorgestern bekam ich, wohl durch den Artikel initiiert, die Anfrage eines mir bis dato unbekannten Schauspielers öffentlich zugetwittert: „Tom Bohn kanntest Du Dr. Brandenburg bereits vor dem 22.4.21?“

Der Untersuchungsausschuss ist also wieder am Start.

Ich werde es nicht machen wie Arthur Miller, sondern ich werde aussagen: Nein, ich kenne ihn nicht persönlich. Und ich wusste auch nicht, dass Brüggemann ihn persönlich kennt.

Aber ich muss trotzdem etwas gestehen.

Denn bei einem meiner letzten Drehs hatte ich gleich zwei bekennende AntiFa Mitglieder am Set. Topp-Film-Leute, mit denen ich sofort wieder arbeiten würde. Bekenne mich schuldig.

Und bevor ich es vergesse: Vor zwei Jahren sass ich mit einer durchaus bekannten Schauspielerin auf deren Terrasse in Berlin , als die mir plötzlich erzählte, dass sie ein Buch von Alice Weidel gelesen hat. Ich bin trotzdem nicht aufgestanden und gegangen. Bekenne mich schuldig.

Ach ja: Ich war jahrelang aktiver Unterstützer der Globalisierungsgegner von ATTAC. Das waren die, die in Heiligendamm randalierten. Habe für die sogar Spots gedreht. Zum Teil auch mit bekannten Schauspielern in den Hauptrollen. Bekenne mich schuldig.


Und so bleibt mir wohl jetzt nichts anderes übrig als das zu tun, was viele Filmschaffende damals in Amerika getan haben, als sie sich auf der schwarzen Liste wiederfanden: Sie haben gewartet, bis irgendein hohes Tier den Spuk mit einem klaren Spruch beendet hat.

Damals war es Truman.

Mal sehen, wer es diesmal ist.



©Text: Tom Bohn, Berlin, 5.4.2.2021

©Foto: SRS Washingthon

Veröffentlicht von der WELT am 03.05.2021


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