• Tom Bohn

Das leise Sterben

Aktualisiert: 13. Aug 2021

Alle blicken auf die Corona-Statistik, aber auch die Zahl der Arbeitslosen und Verzweifelten steigt. Künstler und Selbständige trifft der Lockdown besonders hart. Letzte Woche nahm sich eine befreundete Schauspielerin das Leben. Was sie vorher sagte, lässt mich nicht mehr los.



Das letzte Mal, als ich Marion (Name geändert) sah, hatte sie ihre sonst blonden Haare rabenschwarz gefärbt. Sie kam mit einer Gruppe Musiker in einem Restaurant vorbei, in dem wir gerade eine Teambesprechung für unser nächstes Filmfestival abhielten.

Marion ist Sängerin, Schauspielerin und Entertainerin … hat eine wirklich gute Stimme, kommt aber trotz ihrer hoher Professionalität nicht auf ein ausreichendes Einkommen. Wie so viele ihrer Kollegen, die noch nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.

Ich habe mich gefreut, sie zu wieder zu treffen. Obwohl sie seltsam aussah mit ihren schwarzen Haaren, und seltsame Sachen von sich gab: „Ich gehe jetzt in die Politik, Leute. Diese Scheisse hier erträgt doch niemand mehr!“

Sie meinte den aufziehenden, zweiten Lockdown, dessen erste Vorzeichen wir noch am gleichen Abend spürten, denn der Wirt warf uns um Punkt 22.00 Uhr aus dem Lokal.

Draussen auf der Strasse ein letztes Winken. „Ich kriege langsam keine Luft mehr, Tom!“ rief sie mir noch hinterher. „Wenn du mal `ne kleine Rolle beim Tatort hast, melde dich.“

Da ich ich solche Nachfragen in den letzten Monaten sehr oft bekomme, machte ich nur eine vage Handbewegung. Ich kann nicht alle Kollegen zur Besetzung vorschlagen, die gerade wegen den Corona-Massnahmen auf der Strasse stehen.

Marion verstand mein Zeichen. Sie rollte spielerisch mit den Augen und winkte resigniert ab. Dann ging sie nach Hause.


Marion gehört zu den vielen zehntausend Menschen in Deutschland, die es schwer haben, von ihrer Arbeit zu leben.

Etwa 15.000 unserer Mitbürger nennen sich Schauspieler, haben zumeist eine langjährige Ausbildung absolviert und jobben zusätzlich in der Gastro. Weil sie nicht zu den fünf Prozent der regelmässig Beschäftigten gehören,

Ebenso groß dürfte die Zahl der Musiker sein, die sich teilweise hochbegabt aber glücklos von Auftritt zu Auftritt hangeln, und, von wenigen Momenten abgesehen, öfter schräge Blicke ihrer Mitmenschen kassieren als aufrichtigen Beifall. Wie sagte mir meine Kunstlehrerin einmal in der Zwölften: „Machen Sie das ja nicht hauptberuflich. Sonst gehen Sie drauf!“ Sie hatte sich zunächst als Malerin versucht.

Ich habe es trotzdem gewagt und gehöre zu den Glücklichen, die beim Film nachhaltig Fuß fassen konnten. Der größte Teil der Berufenen geht leider unter. Trotz meist großem Einsatzes und Talents.


Und jetzt noch Corona.

Die Jobs in der Gastro sind weg, die kleinen Auftritte in der Szene gestrichen: Allgemeine Ratlosigkeit. Der bange Blick in die Zeitung: Wie lange geht das noch? Zahlen, die steigen. Infizierte, Kranke, Tote.

Die Zahlen der arbeitslos gewordenen Künstler und Kreativen findet man allerdings nirgendwo. Und auch nicht die Zahl der Verzweiflungstaten.

In meinem Bekanntenkreis sind inzwischen fünf Kollegen unterwegs, die in der letzten Zeit einen Suizid erwogen haben. Und darüber auch offen geredet haben. Fünf !

Ein mir persönlich bekannter Schauspieler sitzt seit zwei Monaten in seiner Berliner Wohnung, geht nicht mehr auf die Strasse und auch nicht mehr ans Telefon. In seinem Wohnzimmer stapeln sich die leeren Pizza-Schachteln.

Seine Agentur hat sich zunächst um ihn gekümmert. Jetzt tut es nur noch seine Tochter. Er redet nicht mehr, seitdem er erfahren hat, dass er aus einer TV-Serie rausgeschrieben wurde, weil er mit 64 Jahren zu der Corona-Risikogruppe gehört. Und die Risikogruppen gefährden nun mal einen geregelten Drehablauf.

Rausgeschrieben.

Was für ein widerliches, Endgültigkeit vermittelndes Wort.


Künstler sind ein besonderes Volk. Emotional, sensibel und oft auch das, was man in bürgerlicheren Kreisen „verrückt“ nennt. Das muss man sein, um sich permanent selbst zu bespiegeln. Um sich dadurch selbst zu entdecken. Um dann mit dieser wunderbaren Entdeckung diejenigen Mitbürger kulturell anzuregen, die einen ruhigeren beruflichen Weg für sich gewählt haben. Dafür nehmen künstlerische Menschen viel in Kauf: Unverständnis, eine oft unzureichende Bezahlung und manchmal sogar schlechte Behandlung.

Künstler setzen sich bewusst inneren Widersprüchen aus, bezweifeln sich selbst und ihre Umgebung bis zur nervlichen und körperlichen Erschöpfung. Das gehört zum Handwerk, wenn man es erst meint mit der Berufung. Denn durch diese Zweifel wird man durchlässig für Stimmungen und Erfahrungen. Die man wiederum braucht um kreativ tätig zu sein. Schutz vor äusseren Einflüssen ist da kontraproduktiv.

Als Künstler muss man lernen, Dinge hinzunehmen. Dinge anzuschauen, auch wenn sie schmerzen. Um dann, nach einem Gewinn von Erkenntnis, weiterzumachen. Augen auf und durch.

Aber was macht man bei einem Lockdown?


Das große Heer der künstlerisch Tätigen bedient den Markt von Film, Buch und Musik. Ohne die immer neuen Anstrengungen von begabten Menschen, die in Kamikaze-Manier in künstlerischen Berufen Fuss fassen wollen, wäre Deutschlands Kulturlandschaft eine Wüste.

Die Kulturindustrie ist auf die künstlerisch Engagierten angewiesen. Sie sind der vitale Urquell, aus dem sich die professionelle Szene laufend bedient und der sie letztendlich am Leben erhält. Und die Kultur hält unsere Gesellschaft am Leben. Wer das nicht glaubt, sollte sich einmal fragen, wie er den ersten Lockdown ohne Musik, Bücher oder Filme überstanden hätte.

Daher ist es pervers, wie sich eine Gesellschaft in einer Krise mit Werken am Leben erhält, deren Quelle sie durch Unverständnis und Ignoranz gerade vernichtet. Ein Kollege nannte es vor kurzem: das leise Sterben.

Unsere Gesellschaft verliert gerade ihre Seele - und merkt es noch nicht einmal.


In der Politik zählt zur Zeit Anderes: Zielgerichtetes Durchgreifen, harte Massnahmen, Zügel anziehen. Dass dies längst nicht nur zum Wohle der Allgemeinheit, sondern auch in Hinblick auf eine mögliche Kanzlerkandidatur und die Bundestagswahlen geschieht, ahnen inzwischen nicht nur die Feinsinnigen.

Ich weiss von Kollegen, die sich angewidert die Ohren zuhalten, wenn sie den bayerischen Ministerpräsidenten vom „Katastrophenfall“ schwadronieren hören, oder einen Dauergast der deutschen Talkshows sehen, der fast schon besessen wirkend, langfristige Lockdown-Szenarien verbreitet. Bei dem politischen Spiel „Wer ist der Härteste“ bleiben die Empfindsamsten unserer Gesellschaft gerade auf der Strecke.

Lockdown! Wie unbewusst und schnell verordnet.

Und wie folgenreich.


Die Unterbindung eines großen Teils der menschlichen Kontakte ist für die Seele eines sensiblen, vielleicht sogar schon psychisch angeschlagenen Menschen eine Tortur. Mangelnde Berührungen, verdeckte Gesichter, abweisende Gesten. Über Wochen und Monate. Alternativlos?

Warum, so fragen sich inzwischen nicht wenige meiner Berufskollegen hat die Politik nicht verstanden, dass es hätte umgekehrt sein müssen im Oktober: Kulturstätten und Gastronomie geöffnet lassen, denn dort wurde, mit zum Teil großen Aufwand, umgerüstet, fanden Kontakterfassung und AHA-Reglung statt. Mit großem Erfolg, denn die wenigsten Menschen steckten sich dort an.

Man hat aber alle Begegnungsstätten geschlossen und so das Virus zu den Menschen ins ungeschützte Private geschickt. Und von dort weiter in die Seniorenheime.

Wie kann es einem künstlerischen Menschen einleuchten, dass man Kinos, Theater, Kleinkunstbühnen und Musikhallen schliesst, während man den öffentlichen Nah- und Fernverkehr ungebremst weiterrauschen lässt? Wer diese Frage nicht versteht, ist noch nicht mit der Linie 101 die dreissig Minuten von der Turmstrasse in Berlin-Moabit bis zur Deidesheimer nach Wilmersdorf gefahren. Dicht gedrängt. Mensch an Mensch. Während des Lockdowns.


Die Gegner der Massnahmen scheinen noch verbohrter zu sein: Manche Mitglieder der Querdenker-Bewegung deuten gerne mit dem Finger auf die zunehmende verzweifelten Künstler und meinen schadenfroh bemerken zu müssen: „Warum seid Ihr dann nicht mit uns auf die Strasse gegangen?“

Rechts aussen schiesst man noch ein bisschen schärfer: „Die staatstreue Linkskultur soll ruhig verrecken!“ Diesen Satz fand ich einmal wortwörtlich auf meinem Twitter-Account.

Ich glaube, dass die meisten unserer Mitmenschen nicht im Ansatz ahnen, was in den künstlerisch Schaffenden vorgeht. Sonst würden sie anders reden. Kreative Arbeit ist meist nicht politisch, sondern zwischenmenschlich motiviert. Dass sie von einigen unserer Zeitgenossen deswegen grundsätzlich als „links“ verortet wird, hängt wohl mehr mit deren einseitiger Ausrichtung zusammen, als mit der der künstlerisch Tätigen.

Und was das Demonstrieren angeht: Künstlerisch Tätige sind permanent gesellschaftspolitisch aktiv. Auf einem deutlich differenzierteren Level als diejenigen, die sich plötzlich stolz mit ein paar handbeschriebenen Plakaten auf der Strasse wiederfinden und lauthals zu Hunderten immer wieder das Gleiche rufen.

Die Masse taugt dem kreativ Tätigen als Zuschauer. Ansonsten verschreckt sie ihn eher.


Nicht wenigen kulturell Arbeitenden fliegt gerade ihr Weltbild um die Ohren. Es ist offensichtlich, dass das Virus eine Gefahr darstellt. Leider aber merkt man auch an den Entscheidungen, die getroffen werden, was den Verantwortlichen und unserer Gesellschaft wichtig ist und was nicht.

Die Kultur scheint es nicht zu sein.


Werden die Todeszahlen kleiner, wenn man dafür bereit ist, über Leichen zu gehen?

Letzte Woche wurde ich darüber informiert, dass sich Marion umgebracht hat.

Mit einem Schnitt in den Hals. „Ich kriege langsam keine Luft mehr, Tom!“

Das leise Sterben - es hat längst begonnen.



© Text und Foto: Tom Bohn, Berlin, 28.12.2020

Mit gerinegen Änderungen veröffentlicht in der WELT am 13.01.2021




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